Tumorzytogenetik

 

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Tumorzytogenetik

 

Allgemeines

 

Ein Zusammenhang zwischen der Entstehung von malignen Tumoren und Chromosomenanomalien wurde erstmals von Boveri 1914 vermutet. Seine Hypothese konnte jedoch erst 1960 mit der Entdeckung des „Philadelphia-Chromosoms“ bestätigt werden. 1967 beobachteten Singer & Zang eine weitere typische Chromosomenanomalie: den Verlust eines kleinen akrozentrischen Chromosoms bei Meningeomen. Durch die in den folgenden Jahren entwickelten Bänderungstechniken konnte eine Vielzahl spezifischer und weniger spezifischer Chromosomenaberrationen entdeckt werden, die mit der Entstehung und Entwicklung von Tumoren beim Menschen im Zusammenhang stehen.

Charakteristische Karyotypanomalien ergaben sich vor allem bei Leukämien und Lymphomen, wodurch eine Zuordnung zu verschiedenen Krankheitssubtypen ermöglicht wurde. Die erhobenen zytogenetischen Befunde erlangten somit eine große Bedeutung für die Diagnostik, Prognose und Therapieplanung.

 

Indikation / Genetik

 

Folgende lympho-hämatopoetische Erkrankungen sind für eine tumorzytogenetische Diagnostik indiziert und werden in unserem Labor untersucht:

 

1.  Myeloische Leukämien

 

               1.1  Chronische myeloproliferative Neoplasien (MPN)

                        1.1.1 Chronische myeloische Leukämie

                        1.1.2 BCR-ABL- negative MPN

               1.2  Myelodysplastische Syndrome (MDS)

               1.3  Akute myeloische Leukämien (AML)

               1.4  Biphänotypische akute Leukämien (BAL)

 

2.  Akute lymphatische Leukämien (ALL)

            

3.  Non-Hodgkin-Lymphome (NHL)

 

4.  Chronisch lymphatische Leukämie (CLL)

 

5.  Plasmazellerkrankungen: Plasmozytom, Multiples Myelom, MGUS

 

              5.1 Multiples Myelom und Plasmozytom

              5.2 MGUS und Smoldering Myelom

 

 

Folgende Fragestellungen werden bearbeitet:

 

·     Erstdiagnostik (Sicherung der Diagnostik, prognostische Bedeutung)

·     Therapiekontrolle, Nachweis von residualen Erkrankungen (z. B. Ph-Nachweis nach Therapie mit Tyrosinkinasehemmern)

·     Geschlechtsdifferenzierung nach KMT

·     Nachweis von sekundären Chromosomenaberrationen

·     Nachweis / Ausschluß konstitutioneller Strukturveränderungen

·     Erfassung von Rezidiven

 

 

Zytogenetische Befunde

 

1.      Myeloische Leukämien

 

1.1    Chronische myeloproliferative Neoplasien

 

1.1.1    Chronische myeloische Leukämie (CML)

95 Prozent der Patienten weisen die Philadelphia-Translokation t(9;22)(q34;q11) in ihrem Knochenmark auf. Davon zeigen 2-8 Prozent variante Philadelphia-Translokationen, bei denen neben dem Chromosom 22 ein anderes als das Chromosom 9 als Partner beteiligt ist oder mehrere weitere Chromosomen beteiligt sind (komplex-aberrant). Bei ca. 15% der CML-Patienten liegt zusätzlich zur 9;22-Translokation eine Deletion in 9q34 vor.

Etwa 5 Prozent der CML-Patienten zeigen einen Normalkaryotyp, bei denen sich jedoch molekulargenetisch oder mit einer Fluoreszenz- in situ -Hybridisierung ein Rearrangement (häufig eine submikroskopische Insertion) nachweisen lässt. Diese Gruppe von CML wird als Philadelphia-negative, BCR/ABL-positive CML bezeichnet.

Zusätzlich zur Philadelphia-Translokation können bei Erstdiagnose oder während des Krankheitsverlaufes weitere Chromosomenanomalien hinzukommen, z. B. +8, +19, +der(22)t(9;22) oder i(17q). Diese Zusatzaberrationen sind ein Zeichen für das Fortschreiten der Erkrankung (Blastenkrise) und von prognostischer Bedeutung. Nur 10 bis 20 Prozent der Patienten weisen bereits in der chronischen Phase sekundäre Anomalien auf. 

 

1.1.2    Chronische myeloproliferative Neoplasien

Im Gegensatz zur CML gibt es bei den anderen myeloproliferativen Erkrankungen keine pathognomonischen Chromosomenaberrationen. Chromosomenaberrationen werden bei etwa 35 Prozent der Patienten mit Polycythaemia vera und bei 40 Prozent der Patienten mit primärer Myelofibrose beobachtet. Nur selten lassen sich Karyotypveränderungen bei der essenziellen Thrombozythämie finden. Eine Deletion im langen Arm eines Chromosoms 20, die Trisomien 8 und 9, eine Deletion im langen Arm eines Chromosoms 13 sowie der Zugewinn von Material des langen Armes von Chromosom 1 stellen die häufigsten beobachteten Karyotypveränderungen bei den anderen myeloproliferativen Neoplasien dar. Weitere Aberrationen wie Deletionen und Verluste der Chromosomen 5 und 7, häufig im Rahmen von komplex aberranten Karyotypen, wurden nach Therapie mit myelosuppressiven Therapieprotokollen beobachtet und reflektieren somit wahrscheinlich nicht die pathogenetisch relevanten genetischen Aberrationen der myeloproliferativen Erkrankungen, sondern therapieinduzierte Veränderungen.

Desweiteren finden sich Deletionen im Kurzarm der Chromosomen 12, Zugewinn der Chromosomen 19 und 21 sowie der Verlust des Y- Chromosoms.

Insgesamt scheint der Nachweis von Chromosomenaberrationen mit einer ungünstigen Prognose assoziiert zu sein. Das Auftreten von chromosomalen Veränderungen kann ein Indikator für eine Progression sein.

(T. Haferlach et al.: CML und andere chronische myeloproliferative Erkrankungen: Molekulargenetische Grundlagen von hämatologischen Neoplasien, Springer Verlag 2003)

 

Die WHO- Klassifikation (2008) der Eosinophilen Erkrankungen unterscheidet:

  • Myeloproliferative Neoplasien (MPN) mit Eosinophilie und FIPL1-PDGFRA –Fusionsgen (Idiopathisches hypereosinophiles Syndrom, Chronische eosinophile Leukämie, systemische Mastozytose mit Eosinophilie). Diese Patienten sprechen gut auf eine Therapie mit Tyrosinkinasehemmer an.
  • MPN mit Eosinophilie und ETV6-PDGFRB-Fusionsgen [t(5;12)(q31~33;p12)] oder anderen PDGFRB- Rearrangements. Diese Patienten zeigen ebenfalls ein gutes Therapieansprechen auf Thyrosinkinaseinhibitoren.
  • MPN (oder akute Leukämien) mit einem FGFR1 (8p11)-Rearrangement. Diese Rearrangements führen zur  Bildung von Fusionsgenen mit unterschiedlichen Partnern. Die Fusionsproteine haben Tyrosinkinase-Eigenschaften, sind aber nicht sensitiv für gegenwärtig verfügbare Tyrosinkinaseinhibitoren.
  • Chronische Eosinophilen Leukämie NOS ohne BCR-ABL- und PDGFRA-FIPL1-Fusion und ohne PDGFRB- und FGFR1-Rearrangement, kein Nachweis der für eine AML M4eo charakteristischen inv(16)(p13q22) oder t(16;16)(p13;q22) [1].

[1] J Gotlib, J Cools. Five years since discovery of FIPL1-PDGFRA: What we have learned about the fusion and other molecularly defined eosiniphilias. Leukemia (2008)22,1999-2010

[2] M. Patnaik et al. Chromosome 8p11.2 translocations: Prevalence, FISH analysis for FGFR1 and MYST3, and  clinicopathologic correlates in a consecutive cohort of 13 cases from a single institution. Am J Hematol.85:238-242,2010

 

1.2  Myelodysplastische Syndrome (MDS) 

Die meisten Karyotypveränderungen, die bei MDS beobachtet werden, treten auch bei akuten myeloischen Leukämien auf. Im Unterschied zur AML, bei der vor allem reziproke Translokationen und Inversionen gefunden werden, sind MDS überwiegend durch Verlust von Chromosomenmaterial gekennzeichnet. Zu den häufigsten Anomalien zählen Deletionen im Langarm der Chromosomen 5, 7 und 20 (5q-, 7q-, 20q-), Monosomie 7 sowie Trisomie 8, die zusammen etwa 70 Prozent aller chromosomalen Defekte bei MDS-Patienten ausmachen. Häufigster Defekt in den Frühstadien eines MDS ist die 5q-Anomalie. Auf dem Langarm der Chromosomen 5 liegen zahlreiche Genloci, deren Produkte regulative Funktionen innerhalb der Hämatopoese ausüben. In Tabelle 1 finden sich Angaben zur prognostischen Relevanz zytogenetischer Aberrationen bei MDS.

 

Tabelle 1: genetische Veränderungen und deren Prognose bei MDS

Prognosegruppe genetische Aberrationen

sehr gut

del(11q), -Y

gut

unauffälliger Karyotyp, del(5q), del(12p), del(20q) [als alleinige genetische Veränderungen], Zweifachaberrationen einschließlich del(5q)

intermediär

del(7q), +8, i(17)(q19), +21 u. a. Einzelaberrationen, Zweifachaberrationen ohne   del(5q) oder -7/del(7q), mehrere unabhängige Klone

schlecht

inv(3)/t(3q)/del(3q), -7, Zweifachaberrationen einschl. -7/del(7q), komplex aberrant mit 3 genetischen Veränderungen

sehr schlecht

komplex aberrant mit > 3 genetische Veränderungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(P. L. Greenberg et al. Revised International Prognostic Scoring System for Myelodysplastic Syndromes. Blood, 20 Sep. 2012, vol 120, Nr. 12: 2454-2465)

 

 

1.3  Akute myeloische Leukämien (AML)

Dem zytogenetischen Befund kommt bei AML-Patienten eine von anderen Risikofaktoren unabhängige prognostische Bedeutung zu. Er dient zur Klassifizierung und ermöglicht eine Vorhersage des Krankheitsverlaufes und des Ansprechens der Therapie sowie der Wahrscheinlichkeit einer kompletten Remission und der Dauer des krankheitsfreien Überlebens. Das European Leukemia Network (ELN) erarbeitete das folgende Prognosesystem in Abhängigkeit von zytogenetischen und molekularen Parametern.

 

Tabelle 2: Prognosegruppen nach ELN für AML

Prognosegruppe

Typ der Chromosomenanomalie, molekulargenetischer Status

günstig

 

t(8;21)(q22;q22)[RUNX1-RUNX1T1]

inv(16)(p13.1q22) oder t(16;16)(p13.1;22) [CBFB-MYH11]

Normalkaryotyp mit mutiertem NPM1 ohne FLT3-ITD Mutation

Normalkaryotyp mit mutiertem CEBPA

intermediär 1

 

 

Normalkaryotyp mit mutiertem NPM1 und FLT3-ITD Mutation

Normalkaryotyp mit unmutiertem NPM1 und FLT3-ITD Mutation

Normalkaryotyp mit unmutiertem NPM1 ohne FLT3-ITD Mutation

intermediär 2

                                          

t(9;11)(p22;q23) [MLLT3-MLL]

alle zytogenetischen Veränderungen außerhalb der Prognosegruppen günstig und ungünstig

ungünstig

 

 

 

inv(3)(q21q26.2) oder t(3;3)(q21;q26.2) [RPN1-EVI1]

t(6;9)8p23;q34) [DEK-NUP214]

t(variabel;11)(v;q23) [MLL-Rearrangement]

-5 oder del(5q), -7, abnormer 17p-Arm, komplex aberranter Karyotyp

 

(Estey EH, Akute myeloid leukemia: 2012 update on diagnosis, risk stratification, and management, Am J Hematol. 2012 Jan;87(1):89-99)

(URL : http://AtlasGeneticsOncology.org/Anomalies/tri8ID1017.html)

 

1.4  Biphänotypische akute Leukämien (BAL)

Die BAL ist eine eher seltene Erkrankung. Ihre Häufigkeit wird auf ca. 5 Prozent aller akuten Leukämien geschätzt. Es gibt wenig zytogenetische Daten. Klonale und komplexe Chromosomenveränderungen scheinen häufig zu sein. Jedoch ist bisher keine spezifische Aberration bekannt. Es gibt einige Berichte über BAL mit t(9;22)(q34;q11) und Aberrationen mit Beteiligung der Chromosomen 11, insbesondere des Bereiches 11q23 (MLL- Rearrangement).

 

 

2.  Akute lymphatische Leukämien (ALL)

 

Bei etwa 55-60% der Erwachsenen mit ALL lassen sich genetische Veränderungen über die Chromosomenbandenanalyse nachweisen. Der Anteil an Fällen mit normaldiploiden Chromosomensätzen variiert zwischen den einzelnen immunologischen Subtypen und reicht von 20-30% bei der common ALL bis hin zu 50-60% bei der T-ALL.

Ein hypodiploider Karyotyp mit weniger als 46 Chromosomen wird bei 4-9 Prozent der erwachsenen ALL-Patienten gefunden und ist mit einer B-Vorläufer-ALL assoziiert.

In der Literatur sind über 40 unterschiedliche wiederkehrende strukturelle Chromosomenveränderungen bei der Erwachsenen-ALL beschrieben. Von besonderer Bedeutung sind hierbei Aberrationen, die zu einem Rearrangement der T-Zellrezeptorkettengene in 7q34-35 und 14q11 sowie der Immunglobulin-Genkluster in 2p11, 14q32, 22q11 führen. Die Bildung von Isochromosomen ganzer Chromosomenarme, die gleichzeitig zu einem Verlust und Zugewinn chromosomalen Materials führen, sind eine Besonderheit der ALL.

Die Philadelphia-Translokation t(9;22) wird bei 20 bis 30 Prozent der ALL der Erwachsenen gefunden und ist die häufigste Aberration in dieser Patientengruppe. Sie wird fast ausschliesslich bei der ALL der B-Vorläuferzellen beobachtet.

Die zweithäufigste Chromsomenveränderung ist die Translokation t(4;11)(q21;q23), die vor allem bei pro-B-ALL auftritt. Das MLL-Gen in 11q23, das bei dieser Translokation mit dem Gen AF4 in 4q21 fusioniert, kann auch mit anderen Partnergenen Fusionen eingehen.

Bei der Prä-B ALL finden sich sowohl die Translokation t(9;22) als auch die Translokation t(1;19). 

 

Eine weitere Gruppe von Strukturveränderungen involviert den Bereich 9p21. Dort sind die Gene CDKN2A und CDKN2B lokalisiert, die in Folge der Umbauten deletiert oder verändert wurden.

Bei 85 Prozent der Patienten mit reifer B-ALL liegt eine t(8;14)(q24;q32)-Translokation vor [oder eine ihrer Varianten t(2;8),t(8;22)]. Diese Translokationen führen zu einer Dysregulation der Expression des Protoonkogens MYC unter dem Einfluss der Gene der Immunglobulinketten. Diese Dysregulation wird als Ursache für die Transformation der Zelle angesehen.

 

Chromosomale Veränderungen bei akuten Leukämien im Kindesalter weichen sowohl in der Art, der Häufigkeit und prognostischer Bedeutung von denen im Erwachsenenalter ab. (Robinson: Childhood leukemia: Understanding the significance of chromosomal abnormalities. J. Pediatr. Oncol. Nurs., 18 (3), 111-123, 2001; Harrison: The detection and significance of chromosomal abnormalities in childhood acute lymphoblastic leukaemia. Blood Rev., 15 (1), 49-59, 2001)

 

 

3.  Non-Hodgkin Lymphome

 

Der Begriff umfasst eine heterogene Gruppe von Neoplasien lymphatischen Ursprungs. Die einzelnen Krankheitsentitäten treten mit unterschiedlicher Häufigkeit auf.

 

Tabelle 3: Verteilung der Non-Hodgkin Lymphome

Lymphom- Subtyp

Fälle [%]

Diffus- großzellige B- Zell- Lymphome

30,6

Follikuläre Lymphome

22,1

Marginalzonen- B- Zell- Lymphome, MALT

7,6

Periphere T- Zell- Lymphome

7,6

B- Zell Chronisch lymphatische Leukämie

6,7

Mantelzell- Lymphome

6,0

Burkitt- Lymphome

2,5

Mediastinale großzellige B- Zell- Lymphome

2,4

Anaplastische großzellige Lymphome/ T-0

2,4

Lymphoplasmozytische Lymphome

1,2

Andere Subtypen

10,9

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Harder & Grote: Bedeutung der genetischen Diagnostik für die Klassifikation und Risikostratifizierung maligner Lymphome. Medgen, 14, 115-118, 2002)

 

Die häufigsten klinisch relevanten Chromosomenaberrationen bei den B-Zell-Lymphomen sind:

 

3.1  t(14;18)(q32;q21)

Diese Translokation ist eine charakteristische Veränderung bei follikulären Lymphomen (FL) mit meist indolentem Verlauf. Sie ist in 70-85 Prozent der niedrigmalignen FL der Grade 1, 2 und 3a, aber lediglich bei etwa 20 Prozent der FL 3b nachweisbar. Etwa 40 Prozent der FL gehen im Verlauf der Erkrankung in ein diffus grosszelliges B-Zell-Lymphom über. Das Spektrum der Chromosomenaberrationen ändert sich beim Übergang in eine FL3b.

 

3.2  t(11;14)(q13;q32)

Diese Translokation ist charakteristisch sowohl für klassische als auch blastäre Mantelzelllymphome. Sie kann jedoch auch bei ca. 14 Prozent der Plasmozytompatienten und einigen CLL-Fällen nachgewiesen werden. Beim Mantelzelllymphom und der CLL ist die Prognose ungünstig; beim Plasmozytom günstig.

 

3.3  Burkitt-Translokation: t(8;14)(q24;q32)

        oder deren Varianten: t(2;8)(p11;q24), t(8;22)(q24;q11)

Die Burkitt-Translokation ist eine primäre Veränderung bei Burkitt-Lymphomen und ist eine Voraussetzung für die Diagnose des Burkitt-Lymphoms bzw. einer B-ALL. Sie ist jedoch nicht spezifisch für die Erkrankung, sondern kann auch sekundär bei anderen Lymphomen auftreten. Veränderungen im MYC-Gen fördern die maligne Transformation und Progression der Erkrankung.

 

3.4  t(3;14)(q27;q32) und verschiedene Varianten

Bei diesen Translokationen ist das BCL6-Gen der Chromosomenregion 3q27 involviert. Sie können sowohl primär als auch sekundär auftreten und sind als typische Aberrationen bei diffus grosszelligen B-Zell-Lymphomen beschrieben. Über die prognostische Bedeutung von BCL6-Veränderungen gibt es widersprüchliche Angaben.

 

3.5  IGH-Veränderungen

Bei den vier Translokationen t(3;14)(q27;q32), t(8;14)(q24;q32), t(11;14)(q13;q32) und t(14;18)(q32;q21) gelangen die Onkogene BCL6, MYC, BCL1, BCL2 unter den Einfluss des IGH-Locus. Diese Fusion führt zu einer Dysregulation der genannten Gene und z. B. zu einer Inhibierung der Apoptose oder Beschleunigung des Zellzyklusses.

IGH-Veränderungen sind typische Veränderungen bei B-Zell-Lymphomen.

 

 

4.  Chronisch lymphatische Leukämie (CLL)

 

Die CLL ist die häufigste leukämische Erkrankung der westlichen Welt (31 Prozent der Leukämien). Der Nachweis charakteristischer Chromosomenaberrationen ist von wesentlicher Bedeutung bei der Risikoabschätzung und Therapieplanung. Die häufigsten Chromosomenaberrationen sind Deletionen in 11q, 13q und 17p sowie eine Trisomie 12 (siehe Tabelle 4).

Klonale Chromosomenanomalien werden bei der CLL durch die Chromosomenanalyse in ca. 50 % und mittels Fluoreszenz-in situ-Hybridisierung (FISH) auf Interphasekerne mit Erkrankungs-spezifischen DNA-Proben in ca. 80 % der Fälle gefunden.

 

Tabelle 4: häufiste Chromosomenaberrationen bei CLL

Aberration

Häufigkeit

Prognose

 

Chromosomenanalyse

Interphase- FISH

 

del(13q) ohne zusätzl.   RB1- Deletion              (homo- oder heterozygot)

10-20%

36 -64 %

solitär: günstig

del(11q) [ATM]

 

11-18%

ungünstig

Trisomie 12

15-20%

16-25%

intermediär

del(17p) [TP53]

 

7-8%

ungünstig

IGH- Translokation

 

4-5%

abh. von Translokationspartner

IGH- Deletion              (homo- oder heterozygot)

 

selten

günstig

del(6q)

 

0-6%

ungünstig

komplex aberrant

10%

 

ungünstig

(Reddy KS . Chronic lymphocytic leukaemia (CLL). Atlas Genet Cytogenet Oncol Haematol May  2005 )

(URL : http://AtlasGeneticsOncology.org)

 

 

Deletionen in 13q14 können bei mehr als der Hälfte der CLL-Patienten nachgewiesen werden. Diese Patienten haben im Vergleich zu Patienten mit anderen Aberrationen die beste Prognose, wenn die Deletion isoliert auftritt. Neuere Studien haben gezeigt, dasss die Größe der Deletionen im Bereich 13q14 von entscheidender Bedeutung für die Prognose ist. Deletionen, die sowohl das RB1- Gen als auch den Locus D13S319 umfassen, sind mit einer schlechteren Prognose assoziiert als eine Deletion des D13S319- Locus allein. Deletionen im Langarm eines Chromosoms 11 (zweithäufigste Aberration) führen meist zum Verlust des ATM-Gens in 11q22-23. Sie treten gehäuft bei jüngeren Patienten mit Lymphknotenbefall und aggressivem Krankheitsverlauf auf.

 

Bei 16-25 Prozent der CLL-Patienten kann eine Trisomie 12 nachgewiesen werden, die mit einer intermediären Prognose assoziiert ist.

In 7 Prozent der CLL liegt eine Deletion des TP53-Gens vor. Diese Patienten zeigen häufig eine Therapieresistenz gegenüber Purinanaloga mit ungünstiger Prognose und kurzer Überlebenszeit.

 

 

 5.  Plasmazellerkrankungen: Plasmozytom, Multiples Myelom, MGUS 

 

Das Spektrum der monoklonalen Plasmazellerkrankungen reicht mit steigender Malignität von der Krebsvorstufe (Präkanzerose) "Monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz" (MGUS)  über das langsam progrediente „indolente Myelom (smoldering Myeloma)“ bis zum symptomatischen Multiplen Myelom (MM) bzw. Plasmozytom.

 

5.1 Multiples Myelom und Plasmozytom

Die Bezeichnungen Multiples Myelom (MM) und Plasmozytom werden im Zusammenhang mit einer Plasmazellerkrankung häufig als Synonyme verwendet. Jedoch steht der Begriff "Plasmozytom" dabei für einen solitären intramedullären bzw. ein odeer mehrere extramedullär gelegene Herde maligner Plasmazellen. Von einem "Multiplen Myelom" spricht man, sobald mehr als ein intramedullärer Herd vorhanden ist.

Die Inzidenz des Multiplen Myeloms liegt bei etwa 4-6 Neuerkrankungen/ 100.000 pro Jahr. 10% aller hämatologischen Krebserkrankungen bzw. 1% aller malignen Erkrankungen sind Multiple Myelome. Es ist eine Erkrankung des höheren Lebensalters, das mediane Alter bei Diagnosestellung liegt bei 66 Jahren.

Die Charakterisierung rekurrenter zytogenetischer Aberrationen erfolgte beim MM und anderen Plasmazellneoplasien deutlich später als beispielsweise bei anderen Typen maligner Erkrankungen z. B. der CML. Die Hauptursache dafür lag in der geringen Proliferationsaktivität der Plasmazellen. Im Rahmen der klassischen zytogenetischen Untersuchung führte dies zu einer Dominanz an Metaphasen normaler Knochenmarkzellen und damit zu falsch- negativen Ergebnissen. Die Etablierung der Fluoreszenz in-situ Hybridisierung (FISH) in Kombination mit einer spezifischen Färbung der Plasmazellen ermöglicht heute eine von der Tumorzellproliferation unbeeinflusste Untersuchung zytogenetischer Aberrationen.

In den vergangenen Jahren wurden eine Reihe genetischer Marker im Hinblick auf ihre prognostische Bedeutung evaluiert. Der Nachweis bestimmter genetischer Veränderungen in den Plasmazellen eines Patienten mit einem MGUS/ MM lässt in manchen Fällen Rückschlüsse auf die Prognose und den Krankheitsverlauf zu.

 

Für das Multiple Myelom charakteristische ´Genomaberrationen sind Translokationen mit Involvierung des IGH- Locus in 14q32 (Tabelle 5). Die häufigsten IGH- Transloklationen sind: t(11;14)(q13;q32), t(4;14)(p16;q32) und t(14;16)(q32;q23).

Verluste von 1p und/ oder Zugewinne von 1q, Deletionen in 13q14 (RB1) sowie Verluste eines vollständigen Chromosoms 13 und Deltionen in 17p13 (TP53) sind weitere rekurrente Veränderungen in den malignen Plasmazellen.

 

Tabelle 5: häufige IGH- Translokationen bei Plasmazellerkrankungen

Translokation

beteiligte Gene

Häufigkeit

t(11;14)(q13;q32)

CCND1

20%

t(4;14)(p16;q32)

FGFR3

15%

t(14;16)(q32;q23)

MAF

3%

t(6;14)(p21;q32)

CCND3

2%

t(14;20)(q32;q12)

MAFB

1%

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Fonseca et al.: International Myeloma Working Group molecular classification of multiple myeloma: spotlight review, Leukemia 2009 Dec, 23(12):2210-2221)

(Nikhil et al.: Genomics in Multiple Myeloma, Clinical Cancer Reasearch 2011; 17:1234-1242)

 

 

Die zweite große Gruppe von MM/Plasmozytomen zeigt einen aneuploiden Chromosomensatz. Bei der hyperdiploiden Subgruppe, deren Prognose als günstig gewertet wird, werden vor allem zusätzliche Kopien der Chromosomen 3, 5, 7, 9, 11, 15, 19 und 21 beobachtet. In dieser Gruppe sind die rekurrierenden IGH- Translokationen sowie eine Monosomie 13 wesentlich seltener zu finden. Verluste der Chromosomen 13, 14, 16 und 22 sind charakteristisch für die hypodiploide Subgruppe mit einem aggresiven Krankheitsverlauf.

 

5.2 MGUS und Smoldering Myelom

Das MGUS (Monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz) wird wie das Smoldering Myelom (schwelendes Myelom) als Vorstufe des Multiplen Myeloms betrachtet.

Die bei MGUS nachweisbaren genetischen Veränderungen entsprechen denen, die bei MM/Plasmozytomen beobachtet werden. Allerdings liegen die nachweisbaren Aberrationen bei Patienten mit MGUS wesentlich seltener vor als bei Patienten mit einem MM. IGH- Translokationen werden bei ca. 40- 50% der MGUS- Fälle beobachtet. Nach den bisher vorliegenden Daten scheint es sich hierbei um initiierende Ereignisse der MGUS und nicht um Progressionsmarker zum MM zu handeln. Die andere Hälfte der MGUS ist durch hyperdiploide Karyotypen gekennzeichnet. Die Häufigkeit von 13q- Deletionen scheint bei MGUS niedriger zu sein als beim Multiplen Myelom. Die prognostische Bedeutung der 13q- Deletion ist gegenwärtig noch unklar.  

 

Die signifikantesten Chromosomenveränderungen und deren prognostische Relevanz bei lympho-hämatopoetischen Erkrankungen finden sich in den Datenbanken:

 

·                         Atlas chromosomes in cancer (www.infobiogen.fr/services/chromcancer)

·                         Mitelman Database of Chromosome Aberrations in Cancer (http://cgap.nci.nih.gov/Chromosomes/Mitelman)

             

 

Methode

 

Je nach Indikation erfolgt eine 24-, 48-, 72- und/oder 96-stündige Kultivierung der Knochenmark- oder Blutprobe in einem geeigneten Zellkulturmedium (mit und ohne Stimulanzien). Die Chromosomen werden routinemäßig nach einer GTG (G-Banden, Trypsin, Giemsa)-Färbung beurteilt.

 

Bei bestimmten Fragestellungen können die folgenden Färbetechniken zum Einsatz kommen:

 

QFQ: Q-Bandendarstellung nach Behandlung mit Quinacrine

CBG: C-Bandendarstellung nach Behandlung mit Bariumhydroxid und Giemsa

NOR-Färbung: Darstellung der nukleolusorganisierenden Region mit Silbernitrat

DA/DAPI-Färbung: Nachweis von Heterochromatin der Chromosomen 1, 9, 16, Y

 

 

Material

 

Angaben zum Untersuchungsmaterial, der Probenentnahme und zum Versand der Proben finden Sie hier.

 

 

Kontakt

 

Dipl.-Biol. Petra Kieback

Dipl.-Biol. Viola Langhof

Dipl.-Biol. Christine Marschall

 

 

Tel.: 0351 / 492 78 950        Fax: 0351 / 492 78 955        e-mail: info@praxisverbund-humangenetik.de

 

 Letzte Aktualisierung: März 2014

 

Die Untersuchung unterliegt nicht der Budgetierung.

 

Mitteldeutscher Praxisverbund Humangenetik

Zytogenetisches Labor

Friedrichstraße 38/40    01067 Dresden